Arbeit und Kind – Der alltägliche Spagat

27 Okt 2015
DSC00589

Montagmorgen, 07,00 Uhr. Der zweijährige Louis kommt fröhlich in die Tagespflege und ruft schon an der Tür: „Guten Morgen Sabine! Schau mal, ein Auto!“ Stolz präsentiert er mir sein neues Polizeiauto und zeigt mir sofort, was das alles kann. Die Mutter beobachtet ihn lächelnd. Louis hat schon fast vergessen, dass sie da ist. Ihm ist wichtig, dass ich sein Auto bewundere. Die Mutter sagt: „Dann kann ich ja gehen. Tschüß mein Schatz.“ Ein Kuß, ein Winken und die Tür ist zu. In acht Stunden wird sie ihn wieder abholen.

Louis ist gerne in unserer Großtagespflege. Zusammen mit den anderen acht Kindern bilden wir eine Art „Ersatzfamilie“ wenn Mama und Papa arbeiten. Dennoch beginnt nicht jeder Tag so harmonisch. Gerade nach einem schönen Urlaub oder einer kleinen Krankheitsphase haben Kinder oft leichte Schwierigkeiten sich von der Mutter oder dem Vater wieder zu lösen. Dann sehen mich die Eltern immer mit traurigen Augen an, aus denen das schlechte Gewissen in Strömen fließt.

Als Mutter weiß ich selber, welche Fragen im inneren Ohr ertönen: „Mute ich meinem Kind zu viel zu?“ oder „Bin ich eine gute Mutter?“ oder „Fühlt sich mein Kind abgeschoben?“

Kinder sind sehr sensibel. Sie spüren wenn Mutter / Vater nicht mit dem zufrieden ist was sie / er tut. Harmonie entsteht im Inneren. Wenn ich zufrieden bin, mit dem was ich tue, strahle ich das auch auf mein Kind aus. Die gemeinsame Zeit wird besonders und beide Seiten genießen das.

Von den Kindern können wir lernen im Jetzt zu leben.  Die Kinder zeigen mir jeden Tag wie wundervoll das Leben ist. Gerade heute waren wir auf dem Spielplatz. Auf der Wiese waren viele Maulwurfshügel. Andreas erklärte den Kindern, dass unter der Erde ein großes Tunnelsystem ist, in dem ein einziger Maulwurf lebt. Sofort rannten alle Kinder über die Wiese und suchten den Maulwurf. Einige riefen in einzelne Hügel hinein „Maulwurf, wo bist du?“ und versuchten einen Maulwurf zu sehen. Auf der Rückfahrt zu Bim Bam Boo redeten alle durcheinander von dem Maulwurf: Dass er unter der Erde lebt, blind ist, nach Regenwürmern sucht……… Heute Nachmittag werden sie ihren Eltern von diesem „Abenteuer“ erzählen und sich auf Morgen freuen.

Die Kinder fühlen sich nicht verlassen. Sie bauen sich ihre eigene Welt auf. Mit eigenen Freunden und Erlebnissen. So können sie sich mit uns Erwachsenen austauschen und in ihren Fähigkeiten wachsen. Die Eltern haben ein gutes Gefühl, ihr Kind von Andreas und mir betreuen zu lassen. Sie vertrauen uns, weil sie sehen, dass ihr Kind Spaß hat. So können Sie den täglichen Spagat zwischen Beruf und Familie hinbekommen und fühlen sich gut dabei.

Und das schlechte Gewissen? Das meldet sich auch bei mir regelmäßig, wenn mein kleiner Sohn am Montagmorgen lieber zu Hause bleiben möchte anstatt in seiner Kita mit seinen Freunden zu spielen. Aber ich weiß, dass sein „Schmerz“ nur so lange dauert, bis ich die Tür hinter mir zugemacht habe und er sich mit seiner Welt beschäftigt. Am Nachmittag wird er mir von seinen Abenteuern erzählen.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>